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Lager im Tonloch

21.02.16 (Elbenberger Geschichte)

Das Lager im Tonloch von Elben

Inhaltsverzeichnis:

 

 

Die örtliche Situation

Traurige Bekanntheit erlangte der Naumburger Stadtteil Elbenberg – ein Zusammenschluss der ehemals selbständigen Orte Elben und Elberberg – durch den Umstand, dass hier in den Jahren des 2. Weltkrieges drei Gefangenenlager bestanden, insbesondere auch ein Lager für Frauen und Mädchen jüdischer Herkunft. Im Rahmen des Ortsjubiläums von 1988 haben die Stadt Naumburg und die Evangelische Kirchengemeinde Elbenberg gemeinsam eine Ortschronik herausgegeben, in der auch die Zeit des Dritten Reiches und des 2. Weltkrieges aufgearbeitet wurde und die gerade wegen dieser Auseinandersetzung mit der jüngsten Zeitgeschichte positiv rezensiert wurde.
Die Aufarbeitung dieses schmerzlichen Kapitels örtlicher Geschichte wurde noch einmal aufgenommen, nachdem Vertreter des Jüdischen Museums Westfalen aus Dorsten in Elbenberg auf Spurensuche gingen, aber auch im Hinblick auf das Gedenken an Kriegsende und Befreiung vor 50 Jahren.

Zur Ortsgeschichte sei einleitend bemerkt, dass der Naumburger Stadtteil heute etwa 1400 überwiegend evangelische Einwohner zählt. Während die Kernstadt Naumburg bis zum Reichsdeputationshauptschluß in 1803 jahrhundertelang zum Erzbistum Mainz gehörte und die Bevölkerung deshalb noch heute dort stark katholisch geprägt ist, gehörten die im Umland liegenden Orte zur Landgrafschaft, später zum Kurfürstentum Hessen. Im 17. bis 19. Jh. gab es nur einen geringen jüdischen Bevölkerungsanteil in Elben. Diese jüdischen Familien gehörten zur Synagogengemeinde Naumburg, wo zentrale Einrichtungen wie Synagoge, Judenschule und Friedhof vorhanden waren. Heute erinnert hieran in Elben nur noch der allmählich in Vergessenheit geratende Flurname “Judenweg”, der inzwischen durch “Jahnstraße” ersetzt worden ist. Die Bevölkerungsmehrheit in Elben und Elberberg war seit der Reformation ganz überwiegend evangelisch; sie war bis in unser Jahrhundert hinein in Elben stark bäuerlich geprägt, während in Elberberg eher Handwerker und Nebenerwerbslandwirte wohnten. Dazu kamen seit dem Ende des 19. Jh. zahlreiche Arbeiterfamilien, die ihren Lebensunterhalt in der etwa 30 km entfernten nordhessischen Metropole Kassel bestritten.
Die Wahlergebnisse gegen Ende der Weimarer Republik zeigen in diesem traditionellen Milieu eine deutliche Polarisierung der Bevölkerung in Anhänger der Nationalsozialisten und der Arbeiterparteien. Während der Weimarer Republik blieb die SPD von 1919 bis 1930 stärkste Partei bei den Reichswahlen, veränderte sich ab 1928 das Wahlverhalten. Bäuerliche Kreise wählten zunehmend berufsständisch, und die im Mai 1924 erstmals kandidierende NSDAP war 1930 in Elben bereits viertstärkste und in Elberberg zweitstärkste Partei. Die absolute Mehrheit errang sie dann ab April 1932 in beiden Orten. Hierbei spielte für die Wahlerfolge der Nationalsozialisten im südlichen Teil des Landkreises Wolfhagen eine besondere Rolle, dass während der sogenannten Kampfzeit eine Reihe örtlicher Persönlichkeiten unter der Führung von Männern aus Elberberg und Heimarshausen sowie des Kreisleiters der Partei aus dem benachbarten Merxhausen die NSDAP organisierten und in 1930 bereits eine Ortsgruppe gründeten. Schon vor der Machtergreifung gab es in Elben neben der Ortsgruppe eine Organisation der Hitlerjugend, und der SA-Sturm 88 – später Sturmbann III/83 – hatte unter der Führung eines Elberberger Einwohners zahlreiche Männer aus Elben und Elberberg in seinen Reihen.

 

 

Nach 1933

Unmittelbar nach der Machtergreifung wurden die SPD sowie der Arbeitersportverein aufgelöst und die politischen Gegner der Nationalsozialisten eingeschüchtert und mundtot gemacht. Die große Mehrheit der Bevölkerung identifizierte sich mit ihnen oder verhielt sich passiv, es gab aber auch Opfer unter den politischen Gegnern der Nationalsozialisten in den beiden Dörfern. Dies lässt sich fortsetzen bis zum Kriegsbeginn, als man sich des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass bevorzugt ehemalige Sozialdemokraten zum Wehrdienst eingezogen wurden.

So oder so ähnlich spielte sich die sog. Machtergreifung der Nationalsozialisten in vielen Orten ab.

Die Daheimgebliebenen mussten während der Kriegsjahre die Arbeit der zum Wehrdienst eingezogenen Soldaten übernehmen. Zwangsarbeiter und Gefangene prägten nun vielfach das Dorfbild. Nach dem Polenfeldzug in 1939 kamen für kurze Zeit Polinnen und Polen in den Ort, die man als Landarbeiter einsetzte. Im Jahr 1940 begann die Einrichtung eines ersten von insgesamt drei Lagern im Dorf, deren Insassen unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen hatten.
Nur am Rande sei darauf hingewiesen, dass das Dorf bereits im 1. Weltkrieg Erfahrung mit damals kriegsgefangenen Russen gemacht hatte, die zu Straßenbauarbeiten eingesetzt wurden. Die von ihnen begonnene Straßenverbindung zwischen Elben und Balhorn wird noch heute ‘Russenstraße’ genannt.

Den engsten Kontakt hatte die Dorfbevölkerung zu den 28 französischen Lagerinsassen, die im Spätsommer 1940 vom Stammlager Ziegenhain mit zwei deutschen Wachsoldaten nach Elben gekommen waren. Das Lager (Kommando 680) wurde im Saal der Gemeindegastwirtschaft eingerichtet und es war Nachts regelmäßig verschlossen.

Im allgemeinen wurden die französischen Kriegsgefangenen gut behandelt. Einer von ihnen fertigte später aus Dankbarkeit für die Familie Spangenberg, bei der er arbeitete, einen Grabstein an und stellte ihn auf dem Elbener Friedhof auf. Ein anderer Gefangener, René Ravoux, kehrte nicht nach Frankreich zurück, sondern heiratete im Juni 1945 in Elben und baute dort ein Haus.

Die Zustände im zweiten Lager waren wesentlich schlechter. Es stand im Zusammenhang mit dem Stollenbau im Hardtkopf beim Felsenkeller, wo die Organisation Todt seit 1943 eine unterirdische Fabrikationsanlage herstellte. Bauausführende Firma war das Tiefbauunternehmen Richter aus Kassel, die Bergwerksgesellschaft Hibernia stellte die notwendigen Bergleute. In diesem sogenannten ‘U-Vorhaben’ sollte ein Teil der Produktion der Henschel Flugmotorenwerke wegen der alliierten Bomberangriffe von Baunatal nach hier auszulagern. Eine Stichverbindung von diesem Standort zur Naumburger Kleinbahn war projektiert und soll bereits im Gelände abgesteckt gewesen sein, um die geplante Produktionsstätte an das Schienennetz anzuschließen. Das dazugehörige Barackenlager befand sich am rechten Elbeufer, am Weg nach Altendorf, in dem Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus Osteuropa, meist Russen, untergebracht waren. Sie führten für die bauausführenden Firmen Richter und Cronibus aus Kassel die hauptsächlichen Arbeiten am sogenannten Felsenkeller aus.

Insgesamt wurden vier Hauptstollen und Querverbindungen mit zwei Haupt- und zwei Nebeneingängen in den Buntsandstein vorangetrieben. Die Stollen wurden teilweise ausgemauert oder ausbetoniert, an den meisten Stellen war aber der gewachsene Fels tragfähig. Auf den Betonklötzen, die noch heute am Waldrand an dem Bach Flachsrose stehen, befanden sich die Kompressoren zum Brechen des Gesteins. Der Aushub wurde mit Loren forttransportiert und bildet heute den Unterbau des nahegelegenen Sportplatzes.

 

 

Das jüdische Frauenlager

Traurige Bekanntheit erlangte Elben aber erst mit der Errichtung eines dritten Lagers – und das unterschied den Ort von den Nachbargemeinden, in denen es ebenfalls Lager gab. In der sogenannten Mischlingsaktion vom 19.9.1944 wurden Männer, Frauen und Kinder, sämtlich Mischlinge 1. Grades aus den sogenannten privilegierten Mischehen in Ostwestfalen, von der Gestapo verhaftet, getrennt deportiert und in verschiedene Zwangsarbeitslager der Organisation Todt eingeliefert.
Die Männer kamen überwiegend nach Zeitz in Thüringen, die Frauen insbesondere aus den Bezirken Bielefeld und Münster kamen nach Elben und die aus dem Dortmunder Bereich nach Kassel-Bettenhausen. Der Transport erfolgte mit der Bahn über Bielefeld nach Kassel, von dort wurden sie mit Fuhrwerken nach Elben gebracht. Die Trennung zwischen Männern und Frauen wurde jedoch anscheinend nicht allzu systematisch vollzogen. So ist zumindest in einem Fall nachweisbar, dass auch ein Mann Lagerinsasse in Elben war. Es gibt Hinweise, dass eine geringe Anzahl Männer aus dem Raum Dortmund-Unna wegen ihrer für den Stollenbau nützlichen Spezialkenntnisse hier benötigt wurden.
Die Herkunftsorte der Lagerinsassinnen sind auf Grund mündlicher Berichte der Dorfbewohner – wenn auch nur noch lückenhaft – zu ermitteln: Bad Driburg, Bielefeld, Bochum, Gelsenkirchen, Gütersloh, Recklinghausen, Scherfede, aber auch Ossendorf bei Warburg und Beverungen an der Weser werden genannt.
Die Frauen lebten zuerst im Tonloch der ehemaligen Ziegelei in Wehrmachtszelten. Diese schlechteste aller Unterbringungsmöglichkeiten zeigt, dass die Organisation Todt nicht hinreichend auf den Transport vorbereitet war, sie war aber wohl eine bewußt so getroffene Entscheidung, denn die Lagerinsassen der beiden anderen Lager waren in festen Unterkünften untergebracht. Auch die zum damaligen Zeitpunkt teilweise noch vorhandenen offenen, aber mit einem Dach versehenen Nebengebäude der ehemaligen Ziegelei – insbesondere die Trockenschuppen – standen für die Frauen nicht zur Verfügung. Die nach Elben deportierte Martha Eichmann erinnerte sich daran: “…da sickerte immer tropfenweise das Wasser. Und wenn wir morgens uns waschen wollten, dann sind wir eine Stunde vorher hingegangen und haben Eimer druntergestellt, damit wir etwas Wasser hatten zum Waschen. Wir konnten uns auch nicht ausziehen. Schlafen Sie mal mit 200 Menschen in einem Zelt!”

Als infolge der spätherbstlichen Regenfälle die Zelte abzusaufen drohten, empörten sich Elbener Einwohner über diese miserable Unterbringung. Diese, aber auch ein OT-Führer, setzten sich dafür ein, dass die Frauen in die Eubelsche Gaststätte verlegt wurden. Dort waren 120 Personen im Saal der Gastwirtschaft untergebracht, wo sie Strohsäcke und Decken erhielten. Die Unterbringung war auch dort sehr primitiv, denn es stand nur eine Toilette zur Verfügung, und in der Futterküche diente ein kleiner Spülstein zur Körperpflege und zum Wäschewaschen. Nachdem im Tonloch vier Holzbaracken sowie eine Wasch- und Toilettenbaracke errichtet waren, verlegte man die Frauen am 1. Weihnachtstag dorthin zurück. Der Standort der Waschbaracke ist noch heute im Gelände zwischen den beiden Himmelteichen auszumachen. Eine Betonplatte zeigt die Stelle an, wo sich einst WC und Waschkaube befanden. Die Lagerküche befand sich zeitweise im Saal der Gastwirtschaft Degenhardt.
Die Bürger von Elben und Elberberg beobachteten das Lager zunächst mit ängstlicher Scheu, denn die Lagerinsassinnen waren ihnen als Zigeuner angekündigt worden. Wohl nur an wenigen Orten haben Dorfbewohner die Kehrseite des Nazi-Regimes so deutlich vor Augen gehabt: die drei Lager im Ort vereinigten unübersehbar die Opfer der Gewaltherrschaft.

Eine 1950 entstandene Zeugenaussage verdeutlicht die Zustände im Lager:

“… Im Juni 1944 wurde ich als Gend.-Kreisführer nach Wolfhagen versetzt. Ich habe im Herbst 1944 davon Kenntnis erhalten,

Über die Organisation der genannten Lager kann ich folgendes angeben: Die beiden Lager unterstanden der OT. Alle Insassen des Lagers für Juden und Mischlinge wurden durch die Gestapo dort eingewiesen. Wenn ursprünglich keine Bewachung vorgesehen war, ist aber, nachdem Beschwerden über die freie Bewegung der Juden kamen, eine Bewachung durch die OT vorgenommen worden. Es handelte sich hierbei um Personal, das aus Belgien, Frankreich usw. stammt und ursprünglich in SS-Formationen gekämpft hatte. Nachdem verwundet und nicht mehr frontdienstfähig, wurden diese ehem. SS-Leute in OT-Uniform mit Schusswaffen für  den Bewachungsdienst in diesen Lagern eingesetzt…”.

Die Tageseinteilung war folgendermaßen geregelt: 6 Uhr Wecken, 7 Uhr Antreten zum Appell und Einteilung zum Arbeitsdienst, bis 12 Uhr Arbeitsdienst, 12-13 Uhr Mittagspause, 13-19 Uhr Arbeitsdienst. Bis 20 Uhr durften sich die Frauen im Ort bewegen, um 22 Uhr begann die Nachtruhe. Auch am Sonnabend wurde halbtags gearbeitet. Am Sonntag mussten angeblich die Gefangenen den Gottesdienst in der Kirche zu Elben besuchen.

Die Frauen mussten, nur weil sie nach dem nationalsozialistischen Rassebegriff als ‘minderwertig’ galten, bei schlechter Ernährung schwerste Arbeit für die Organisation Todt sowohl bei der Errichtung ihres eigenen Barackenlagers als auch bei den Arbeiten am Stollen verrichten. Die Bauarbeiten der in Arbeitskommandos eingeteilten Frauen bestanden im wesentlichen darin, Baracken zu errichten, Sand graben, Baumaterial transportieren und beim Bau der Stollenanlage Handlangerarbeiten zu verrichten. Die hierbei eingesetzten Frauen mussten schon bald nach den Sprengungen wieder in die Stollen, wobei eine Gefangene wegen der Pulverdämpfe einen Herzanfall bekam. Dazu Frau Sch.: “Es  wurden Arbeiten von uns gefordert, die normalerweise nur Männer  leisten können.

Der Gesundheitszustand eines großen Teils der Lagerinsassen war infolge der körperlichen Anstrengung sehr schlecht. Die ärztliche Betreuung des Frauenlagers durch einen russischen Arzt, der teilweise auch die Ortsbevölkerung versorgt haben soll, sowie durch eine im Lager untergebrachte Gemeindeschwester aus Scherfede war nur unzureichend. Vielfach hatten die Lagerinsassen zudem Angst, sich krank zu melden. Einmal hat ein Arzt der Gestapo die Schwerkranken ausgesondert, aber nicht, um sie nach Hause zu schicken, sondern zur Überweisung in das Jüdische Krankenhaus in Berlin. Infolge dieses Gerüchtes fürchteten viele Lagerinsassinnen die Krankmeldung und den möglichen Berlin-Transport und versuchten, solange es irgendwie möglich war, weiterzuarbeiten.

Ergänzend dazu folgender Bericht:

“… Abschließend möchte ich noch sagen,


In einem Fall ist eine Verlegung einer Frau im Dezember 1944 aus dem Lager in das Jüdische Krankenhaus Berlin namentlich nachweisbar. In einem anderen Fall ist bekannt, dass es Herrn August Böger aus Bad Driburg unter Vorlage von Attesten der Hausärzte gelang, seine erkrankte Frau im März 1945 aus dem Lager frei zu bekommen. Er organisierte daraufhin einen Schlitten und zog seine Frau tagelang bis in ihren Heimatort. Dort versteckten sie sich bis zum Kriegsende bei Nachbarn.

Die Verpflegung der Lagerinsassen erfolgte durch die bereits erwähnte Lagerküche. Sie muss als primitiv bezeichnet werden. Für das gesamte Lager standen nur etwa ein Dutzend Aluminiumschüsseln zur Verfügung. Die meisten Lagerinsassen behalfen sich deshalb mit Konservendosen.
Der tägliche Elendszug der erschöpften Frauen vom Lager zur Stollenanlage und zurück erregte in der Einwohnerschaft bald Mitgefühl. Es sind zahlreiche Zeugenaussagen überliefert, wonach die Dorfbevölkerung den Frauen aus dem Lager half, wenn und so gut es die Umstände erlaubten. Die Frauen boten z.B. ihre Mithilfe bei den Familien im Dorf an, insbesondere im Haushalt oder sie fertigten Handarbeiten an, die sie gegen Lebensmittel tauschten. Sie wärmten sich bei den Familien im Ort auf, konnten sich waschen und Körperpflege betreiben oder erhielten auch Hilfe beim Entlausen. Es wird auch berichtet, dass den Frauen auf ihrem Weg vom Lager zum Stollen gelegentlich Schmalzenbrote zugesteckt wurden.
Das Lager war nicht umzäunt und ganz zu Beginn wohl auch nicht bewacht. Es war deshalb nicht ungewöhnlich, dass in mehreren Fällen die Ehemänner aus Westfalen nach Elben kamen und ihre Frauen im Lager besuchten. In vielen Fällen fanden sie dann eine Unterkunft im Dorf. Später war eine französischsprachige Wachmannschaft im Pfarrhaus untergebracht, die entweder aus französischem Sicherheitsdienst oder belgischen SS-Angehörigen bestand – die Angaben dazu sind uneinheitlich. Die Frauen konnten sich gleichwohl relativ frei bewegen. Das Briefschreiben sowie der Empfang von Besuchen war jedoch nicht verboten. Einige katholische Lagerinsassen benutzten deshalb die Gelegenheit, in der Nachbarstadt Naumburg die Ordensniederlassung der Vinzentinerinnen zu besuchen und sich zu waschen oder in der katholischen Stadtkirche zu beten.

Frau Sophie B. erinnert sich, dass sie mit einigen Mädchen aus dem Dorf die Lagerinsassen im Tonloch besuchte und mit ihnen Volkslieder gesungen hat.

Das OT-Personal führte keine reguläre Bewachung durch, sondern leiteten den Arbeitsbetrieb. Über ihr Verhalten hat man sich auch später nicht beklagt. Sie sollen höflich und bemüht gewesen sein, das schwere Los der Frauen erträglicher zu machen.

Ein ehemaliger französischer Kriegsgefangener, Leo Schneigeiger, hat seine Erinnerung an das Frauenlager folgendermaßen zusammengefasst:

“… Die Einwohner von Elben haben diesen Frauen immer wenn sie es konnten, sehr diskret geholfen. Außer ein paar miesen Typen im Dorf, und davon gab es trotz allem einige. Vielleicht sind einige von diesen Frauen später nach dem Krieg zurückgekommen, um Euch zu besuchen.

Unter denjenigen, die den Auftrag hatten, auf sie aufzupassen, waren drei echte französische ‘Dreckskerle’. Sie waren zu uns zum Kommando gekommen, um mit uns zu sprechen. Diejenigen, die mit ihnen sprechen wollten, mussten das selbst verantworten, aber ich habe sie von dem Aufseher rausschmeißen lassen. Als er ihnen gesagt hat, dass er einen Bericht machen würde, sind sie ganz schnell abgehauen. Sie stolzierten sehr gerne mit dem Hakenkreuz und der Pistole an der Seite. Ich habe gesehen, wie einer von ihnen einen Deutschen schlug, der gekommen war, um seine Tochter zu besuchen, die sich in eine dieser Baracken befand. Da habe ich mit ihm gesprochen und habe ihm einen Vorwurf gemacht. Er hat mich zum Teufel gejagt und gesagt, ich soll meinen Mund halten und mich um meine Sachen kümmern. Aber er hat mich nicht geschlagen.

Das war zweifellos sein Glück, denn als die Amerikaner da waren, ist er ein paar Mal hier in unserer Ecke herumgestreift und da hatte ich freie Hand, um ihn k.o. zu schlagen”.

 

 

Die Befreiung

Kritisch wurde die Lage für die Lagerinsassen noch einmal im Zusammenhang mit dem kampflosen Einmarsch der Amerikaner am 31.3.1945, als Einheiten der 9. Pz.Div. des 5.Korps der 1.US-Armee aus Richtung Süden durch das Elbetal in den Warburger Raum vorstießen.
Mehrere Augenzeugen berichten übereinstimmend, ohne sich allerdings an das Datum genau erinnern zu können, dass ein SS-Trupp abends in das Dorf kam und man befürchtete, diese würden unter den Frauen im Tonloch ein Blutbad anrichten. Mehrere Frauen versteckten sich deshalb in einzelnen Häusern auf den Dachböden, andere suchten Zuflucht im Lager der französischen Kriegsgefangenen. Ob dieser SS-Trupp identisch ist mit den etwa 20 Männern der Arolser Waffen-SS, der sich noch am Abend des 31. März mit vorrückenden amerikanischen Soldaten im nahegelegenen Istha ein Gefecht lieferten, kann nur vermutet werden.

Als die Front näherrückte, erhielt der Lagerleiter den Befehl, die Frauen geschlossen “nach Osten” zu deportieren. Warum dieser Befehl nicht mehr ausgeführt wurde, lässt sich heute mit Sicherheit nicht mehr rekonstruieren, da die betreffenden Aussagen zu widersprüchlich und spekulativ sind. Als dann die Amerikaner bereits in Fritzlar waren, nahm eine Jüdin allen Mut zusammen und schlug dem Lagerleiter vor: “Wenn Sie uns jetzt retten, dann helfen wir, dass Sie hier herauskommen.” Da tauschte er seine Uniform gegen Zivilkleidung und setzte sich zusammen mit dem Kommandanten des Lagers am Felsenkeller ab. Die Frauen waren frei.
Der Einmarsch amerikanischer Soldaten erfolgte am Vormittag des Karsamstag 1945. Panzer und Autokolonnen rollten unaufhörlich von Altendorf kommend in Richtung Naumburg. Bürgermeister Rudolph in Elberberg hatte zum Zeichen der Übergabe ein weißes Bettuch gehisst. Die Bevölkerung versteckte sich teilweise in den umliegenden Wäldern oder war in den Stollen geflüchtet.
Nachdem ein amerikanischer Panzerspähwagen über den Hahnebachsweg zur Hardtmühle vorgefahren war, forderten die amerikanischen Soldaten die Bevölkerung zur Rückkehr in ihre Häuser auf, nachdem die Franzosen ihnen bestätigt hatten, dass keine deutschen Soldaten sich im Stollen befinden. Als dann weitere Spähwagen den Elbeweg herunterkamen, eilten Frauen aus dem Lager den Soldaten entgegen und berichteten von der guten Behandlung durch die Bevölkerung.
Dann kam ein größerer Trupp Soldaten nach Elberberg und öffnete zunächst das Lager der Frauen, die ihre Befreier mit Umarmungen und Küssen begrüßten. Daraufhin schlugen die Soldaten in unmittelbarer Nähe “in den Röddern” ihre Zelte auf und übernachteten dort, nachdem sie durch das Dorf marschiert waren und Wachen am Ein- und Ausgang aufgestellt hatten.
Das Lager im Tonloch bestand noch bis Mai 1945. Nachdem der Lagerleiter das weite gesucht hatte, wurde diese Funktion teilweise von dem Bauleiter L… übernommen. Den Entlassungsschein für Frau R. aus dem Lager Elben vom 12.4.1945 hat er als Lagerführer unterzeichnet und daneben das Siegel “Bürgermeister als Ortspolizeibehörde in Elben Kr. Wolfhagen”, allerdings ohne dessen Unterschrift, gesetzt: “I.R. aus Eidinghausen i.W. war Insassin des Judenlagers in Elben von der Zeit vom Oktober bis zum Eintreffen der amerikanischen Truppen. Sie war Gefangene der Gestapo, bis die amerikanischen Truppen sie befreit haben. Sie verlässt das Lager, um in ihre Heimatstadt Eidinghausen i.W. zurückzukehren”.
Zwischen März und Mai 1945 hat es in Elben drei Eheschließungen gegeben, die wohl im Zusammenhang mit den dortigen Lagern stehen. Zwei junge Frauen aus dem Frauenlager im Tonloch heirateten Männer, die für die OT beim Stollenbau tätig waren:

Bereits zehn Tage nach der Befreiung des Lagers heirateten Walter Grimmer und Erna Elges. Die Hochzeitsfeier fand im Lager statt, die Hochzeitsfotos sind überliefert. Etwa Mitte Mai heirateten Paul Thomas und Esther Munck. Ob eine weitere Eheschließung Mitte April zwischen Gysbert Martinus und Alexandra Hrosnaga mit dem Frauenlager oder dem Lager der osteuropäischen Zwangsarbeiter im Zusammenhang steht, ist nicht sicher zu beantworten.
Nach der Auflösung des Lagers wurden die Holzbaracken verkauft und dienten eine zeitlang als Behelfswohnungen oder auch als Geräteschuppen für den Garten.

Nicht alle Lagerinsassen verließen Elben sofort. In Privatbesitz befindet sich – zweisprachig – ein sogenannter Persilschein vom 17. Juli 1945. Aussteller war ein ehemaliger Lagerinsasse aus Elben, beglaubigt wurde das Schreiben von dem Nachkriegsbürgermeister Müller aus Naumburg. Das Dokument hat folgendem Wortlaut:

“The tradesman H. Günst, living in Naumburg, was always kind and obliging to me, though he knew that I came from the Jew camp in Elben. He gave me often something to eat, because he had understanding for my situation.
Der Kaufmann H. Günst wohnhaft in Naumburg war immer freundlich und zuvorkommend zu mir, obgleich er wußte, daß ich aus dem Judenlager in Elben war. Er gab mir auch oft etwas zu essen, weil er Verständnis hatte für meine Lage.

(Siegel der Stadt Naumburg)                    Manfred Müller
Bochum
Engelsburgerstr.132″
Von einer Lagerinsassin ist bekannt, dass sie noch etwa anderthalb Jahre in Elberberg wohnen blieb.

Ohne in irgendeiner Weise die Vorgänge verharmlosen oder gar beschönigen zu wollen, ist wohl doch festzustellen, dass große Teile der Dorfbevölkerung die Zustände in den Lagern nicht gebilligt haben und dies durch Gesten und Handeln zu erkennen gaben, auch wenn sie die Situation selbst nicht ändern konnten. Welche Bedeutung hierbei vielleicht auch der Ahnung vom nahen Kriegsende zukam, kann heute nicht mehr beantwortet werden.

Die Versuche, mit bescheidenen Mitteln oder schlicht durch Anteilnahme und menschliche Wärme helfen zu wollen, haben auf beiden Seiten ihre Spuren hinterlassen. Anders wäre es nicht zu erklären, dass die wenigen Monate, in denen das Lager in Elben bestand, viele persönliche Beziehungen entstehen ließen und es sogar zu Eheschließungen zwischen ehemaligen Bewachern und Bewachten kam. Noch viele Jahre nach dem Kriegsende hat es gelegentliche Kontakte zwischen den Frauen aus dem Lager und der Dorfbevölkerung gegeben. Zur Hochzeit von Annelise M. schenkte Familie Böger aus Bad Driburg Porzellan und Glas. Das Ehepaar Ravoux erhielt zu seiner Hochzeit eine Tischdecke. Die damals 10jährige Tochter Gerda der Familie R. erhielt von einer jungen Frau aus Beverungen nach deren Rückkehr ein Märchenbuch zugeschickt.
In 1988 wurden im Zuge des bereits erwähnten Ortsjubiläums historische Hinweistafeln aufgestellt, so auch am Felsenkeller und am Tonloch, die an dieses Kapitel unserer Dorfgeschichte erinnern.

aus:

Volker Knöppel (Hrsg.), „… da war ich zu Hause“ – Synagogengemeinde Naumburg 1503-1938, 1998, S.59-68.

Quellennachweis: erstellt von Dr. Volker Knöppel und Hans Ritte  

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